Im Sankt Andreasberger Revier entwickelte sich ein
eigenständiges Wasserversorgungssystem. Aus Mangel an nutzbaren Bächen in der Nähe des "oben auf dem Berg" liegenden Grubenreviers, war man gezwungen Wasser in den Einzugsgebieten von Sieber und Oder zu sammeln und durch Gräben und Stollen heranzuführen.
Literaturhinweis: 300 Jahre Neuer Rehberger Graben
Beiträge zur Bergbaugeschichte von Sankt Andreasberg Band 3, Sankt Andreasberg 2003
übertägige Anlagen: Das System Rehberger Graben -
Oderteich
Bereits im späten 16. - frühen 17. Jahrhundert (1. Perioden
des Silberbergbaus) entstanden folgende, heute z.T. noch vorhandenen Anlagen:
- Sonnenberger Graben:etwa 3,6 km lang (Einzugsgebiet der Sieber)
- Alter Rehberger Graben:etwa 6,6 km lang (Einzugsgebiet der Oder)
- Alter Gesehr-Wasserlauf: etwa 450 m lang
Der größte Teil der Wasserwirtschaftsanlagen entstand während der 2. Bergbau-Periode, Ende 17. bis Anfang 18. Jahrhunderts:
- 1686 Instandsetzung und Verlängerung des Alten Rehberger
Graben auf ca. 4000 m, die Wasserführung erfolgte vorwiegend in hölzernen Gefludern (Halbgerennen)
- 1699 Durchschlag des 760 m langen Tiefen Gesehr-Wasserlaufes
- 1703Fertigstellung des Neuen Rehberger Grabens bis zur Oder, dieser verläuft 30 m tiefer als die alte Grabentour bis zum Einlauf des tiefen Wasserlaufes. Der neue Graben ist aus dem Felsen gehauen, z.T. ausgemauert und später teilweise mit Granitplatten abgedeckt. Länge: 7,3 km, Gefälle: ca. 1 : 400 Durchflusskapazität: ca. 400 Liter/sec. (max. "5 Rad Wasser")
- 1714-1721 Bau des Oderteiches; älteste Talsperre Deutschlands Der Damm entstand als zweiter im Oberharz nach der "neuen Art" mit einer Kerndichtung. Statt Grassoden verwendete man Heidensand (Granitgrus), für den Stützkörper (Zyklopmauer) gebrauchte man Hohlsteine
(Granitblöcke) die behauen und trocken aufeinandergesetzt wurden. Dammhöhe: 18 m; Stauinhalt: 1,7 Millionen Kubikmeter.
Die Wasserverteilung innerhalb des Reviers
Am Auslaufmundloch des Tiefen Gesehr-Wasserlaufes erfolgte
eine Teilung der Grabenwasser:
- Strang: der 1,25 km lange Neufanger Graben (Ende des 17.
Jh. angelegt) führte den Gruben des Inwendiger Zug (im
Stadtgebiet gelegen) das Wasser zu.
- Strang: der 2,28 km lange Beerberger Graben (1710/11
angelegt) leitete Wasser um den Beerberg herum zu den Gruben des
Auswendigen Zuges (Wäschegrund).
Die Wasser beider Stränge vereinigten sich wieder bei der
Silberhütte, die an der Einmündung des Wäschegrundes in die Sperrlutter lag und die Wasser beider Täler nutzte. Entlang von Sperrlutter (Andreas-berger Tal) und Wäschegrundtal befanden sich bis zu 10 Pochwerke sowie einige Mühlen als weitere Nutzer.Im Inwendigen Zug gab es 14, im Auswendigen Zug 10 übertägige nutzbare Kunstgefälle.
Um 1730 wurden mit diesen Wassern insgesamt 47 Wasserräder
betrieben.
Untertägige Anlagen: Wasserlösungsstollen
Zur Entlastung der Pumpenkünste, bzw. zur Verminderung deren
Hubhöhe erfolgte die Auffahrung von tiefen Stollen ("Erbstollen"), um die
Wasser in möglichst großer Teufe auf natürliche Art und Weise aus den Gruben
abfließen zu lassen.
- Grünhirscher Stollen (Mundloch im Sperrluttertal) 1692 - 1710 bis zum Marktplatz (Felicitaser
Zug), bis 1714 zum Samsonschacht, bis 1729 zum Auswendigen
Zug (Grube Wennsglückt) durchgetrieben; Gesamtlänge 10.150 m. Teufe im Samsonschacht: 130 m
- Sieberstollen (Mundloch
bei Königshof an der Sieber) 1716 - 1754 bis zum Samson, bis 1805 zum
Wennsglückter Schacht verlängert; Gesamtlänge rund 13.000 m. Teufe im Samsonschacht: 190 m
Nach dem Ende des Silberbergbaus (Grube Samson 1910) erfuhren die St. Andreasberger Wassergefälle eine industrielle Nachnutzung
(Holzverarbeitung Schleifereien, Papierfabrik). Bis heute dient das historische Wasserwirtschaftssystem zur Versorgung von fünf kleinen Wasserkraftwerken, von denen sich 2 im Samsonschacht, 130 m und 190 m unter Tage befinden (Stromerzeugung: etwa 4,5 Mio kWh/ Jahr).